Wenn Nähe ganz nah ist und trotzdem unerreichbar wirkt

05/02/2026

Vielleicht kennst du diesen Moment: Du willst ehrlich sein. Du willst sagen, was dich verletzt hat. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würdest du dich damit komplett entblößen. Als würdest du riskieren, abgelehnt zu werden. Genau dort beginnt oft Scham.

Ich habe vor Kurzem das Buch "Die Nähe ist ganz nah! Scham und Verletzungen in Beziehungen überwinden" von Uri Weinblatt gelesen. Es hat mich daran erinnert, wie häufig Scham nicht als "Gefühl" erkannt wird, sondern als Rückzug, Angriff, Perfektionismus oder Sprachlosigkeit in Beziehungen. 

Dieser Blogbeitrag ist eine Einladung, Scham besser zu verstehen und dir Wege zu zeigen, wie Nähe wieder möglich wird.

Was Scham eigentlich ist (und warum sie so weh tut)

Scham ist eine selbstbezogene, soziale Emotion. Sie entsteht oft dann, wenn wir glauben:

  • "Mit mir stimmt etwas nicht."

  • "Wenn ich mich so zeige, verliere ich Zugehörigkeit."

Wichtig: Scham ist nicht dasselbe wie Schuld.

  • Schuld: "Ich habe etwas falsch gemacht." (kann zu Wiedergutmachung führen)

  • Scham: "Ich bin falsch." (führt häufig zu Rückzug, Verstecken, Abwehr)

Scham zielt also nicht nur auf ein Verhalten, sie trifft den Selbstwertkern.

Wie Scham Beziehungen beeinflusst: 3 typische Scham-Schleifen

Scham zeigt sich selten mit einem Schild "Hallo, ich bin Scham". Sie tarnt sich. Drei häufige Muster:

1) Rückzug & Kälte

Du wirst still, weichst aus, willst "einfach deine Ruhe". Innerlich ist aber oft Alarm: "Sag bloß nichts Falsches."

2) Angriff & Abwertung

Scham kann sich in Wut verwandeln: Rechtfertigen, Gegenangriff, Sarkasmus. Nicht, weil du böse bist, sondern weil es sich sicherer anfühlt, zu kämpfen statt dich klein zu fühlen.

3) Perfektionismus & Überanpassung

Du gibst dir Mühe, alles "richtig" zu machen: nicht zu viel sein, nicht zu emotional, nicht zu bedürftig. Außen funktioniert es, innen wird es eng.

Scham will schützen

Ein Gedanke, der beim Lesen stark hängen blieb: Scham ist oft ein Beziehungs-Schutzmechanismus. Sie will verhindern, dass wir (wieder) verletzt werden. Doch genau dadurch verhindert sie häufig auch das, wonach wir uns sehnen: Kontakt, Echtheit, Nähe.

5 Signale, dass gerade Scham am Steuer sitzt

  1. Du möchtest im Boden versinken oder "weg"

  2. Du fühlst dich plötzlich "zu viel" oder "nicht gut genug"

  3. Du wirst hart mit dir: innerer Kritiker auf 180

  4. Du erklärst, beweist, verteidigst dich zwanghaft

  5. Du kannst schwer Blickkontakt halten oder Nähe annehmen

Wenn du dich darin erkennst: Du bist nicht "kaputt". Du bist in einem Schutzmodus.

7 Wege, Scham zu regulieren 

allein und in Beziehung

1) Benennen statt verschlucken

Sag (zu dir oder laut):
"Ich merke gerade Scham."
Allein das Benennen reduziert oft die Wucht.

2) Trenne Selbstwert von Situation

Frage dich:
"Was glaube ich gerade über mich und was ist tatsächlich passiert?"

3) Geh in den Körper (nicht nur in den Kopf)

Scham ist körperlich. Mini-Reset (60–90 Sekunden):

  • Füße spüren (Druck in den Boden)

  • Ausatmen verlängern

  • Hand auf Brust oder Bauch (Kontakt statt Kampf)

4) Ein Satz, der Nähe ermöglicht

Wenn du in Beziehung bist, probier statt Erklärungen diesen Satz:
"Ich bin gerade beschämt. Kannst du mir kurz sagen, dass du da bist?"
Das ist mutig. Und oft verbindender als jedes Argument.

5) Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung

Selbstmitgefühl ist kein "Schönreden". Es ist ein anderer Umgang mit innerem Schmerz. Studien zeigen, dass Selbstmitgefühl-Training Schamneigung reduzieren kann.


Mini-Satz:
"Gerade ist es schwer. Und ich darf trotzdem freundlich mit mir sein.
"

6) Anerkennung ist wichtiger als Perfektion

Scham will, dass du fehlerfrei bist. Beziehung braucht etwas anderes: Anerkennung.
Beispiel: "Es tut mir leid, ich habe eben dicht gemacht. Ich möchte nochmal neu anfangen."

7) Hol dir Unterstützung, wenn Scham dich dauerhaft bestimmt

Wenn Scham dich regelmäßig lähmt, Beziehungen sabotiert oder alte Verletzungen triggert, kann Beratung/Therapie helfen, die Muster traumasensibel zu entwirren, ohne dich zu überfordern.

6 Fragen, die Scham entwaffnen (und dich zurück zu dir bringen)

  1. Wovor will mich die Scham gerade schützen?

  2. Welche alte Geschichte wird hier gerade aktiv?

  3. Was würde ich einer Freundin sagen, die das erlebt?

  4. Welche kleine Wahrheit traue ich mich heute zu teilen?

  5. Was brauche ich – nicht um perfekt zu sein, sondern um sicher zu sein?

  6. Was wäre ein mutiger, freundlicher nächster Schritt?